Spin-off der RWTH macht Verzicht auf Kälberserum möglich

27.05.2016

In Zusammenarbeit mit RWTH-Biologen entwickelt ein Jungunternehmen ein alternatives Zellmedium für regenerative Therapien. Statt Blut ungeborener Kälber werden humane Stammzellen aus Blutbanken genutzt.

  Frau und Mann im Labor Peter Winandy Geschäftsführer Hatim Hemeda mit Mitarbeiterin Alina Ostrowska von der RWTH-Ausgründung PL BioScience.

„Ich habe während meiner Postdoc-Zeit mit mesenchymalen Stammzellen gearbeitet und diese zunächst in fetalem Rinderserum kultiviert. Dann erfuhr ich, dass sich ein humanes Alternativprodukt viel besser eignet. Ich wollte das ausprobieren, konnte es aber nirgendwo kaufen“, so der Biologe und ehemalige RWTH-Wissenschaftler Hatim Hemeda. Gemeinsam mit einem Team des Lehr- und Forschungsgebiets „Stammzellbiologie und Cellular Engineering“, geleitet von Professor Wolfgang Wagner, stellte er das neue Zellkulturmedium schließlich selber her.

Im Labormaßstab hielt sich der Aufwand in Grenzen, das Ergebnis war umso besser. Das neue Medium, ein Lysat aus menschlichen Blutplättchen, führte zu mehr als doppelt so gutem Zellwachstum. „Wir nutzten die Stammzellen, um die menschliche Alterung zu studieren“, so Hemeda. Auch werden mesenchymale Stammzellen im Bereich der regenerativen Therapien eingesetzt. Damit kann beispielsweise defektes Knochenmark, Knochen oder Fettgewebe ersetzt werden – bei gleichzeitigem Verzicht auf die ethisch bedenkliche Verwendung von Blutserum aus ungeborenen Kälbern.

RWTH-Gründerkolleg unterstützte

Als Rohstoff bekam das Team Konzentrate aus Blutplättchen von der Blutbank der Uniklinik. Für medizinische Zwecke durften diese wegen abgelaufener Haltbarkeitsdaten nicht mehr verwendet werden, für die Forschung war das kein Problem. Die Herstellung des Mediums, die so genannte Lyse, also ein Zellaufschluss der Blutplättchen, ist ein relativ einfacher Prozess: Ein mehrfaches Auftauen und Einfrieren ist im bescheidenen Maßstab praktikabel. Doch Hemeda wollte auch weitere Wissenschaftler vom neuen Zellkulturmedium profitieren lassen: Er gründete daher im Jahr 2015 die PL BioScience GmbH – unterstützt von Christian Wilkes. Dieser war bereits Geschäftsführer eines Diagnostik-Labors und brachte das notwendige wirtschaftliche Know-how mit.

Unterstützung erhielt das Duo vom Gründerkolleg der RWTH und von Professor Wagner: „Ich bin überzeugt von dem Produkt. Wir kultivieren unsere Zellen ausschließlich mit Plättchenlysat.“ Dieses ist auch Ausgangsstoff für eine 3D-Matrix, in der sich Zellen viel wohler fühlen als auf der harten Oberfläche von Zellkultur-Plastikflaschen – eine Erfindung aus der Arbeitsgruppe von Wagner, von der RWTH zum Patent angemeldet.

Neben dem Flüssigmedium PLSOLUTION, vertrieben in zwei Qualitäten, ist die PLMATRIX das zweite und von der RWTH einlizensierte Produkt des Spin-offs. Den Rohstoff für die Produkte bezieht das Unternehmen inzwischen von zahlreichen Zulieferern deutschlandweit. Mehr als 250 Blutplättchen-Spenden werden für eine Herstellungseinheit gepoolt.

In Europa noch Ausnahmen

Hemeda ist überzeugt, dass Plättchenlysat bei nahezu allen Anwendungen fetales Rinderserum ersetzen kann. Doch ist dessen Einsatz seit Jahrzehnten geltender Standard. „Dabei gab es immer wieder negative Berichte, zum Beispiel über eine Mafia, die gepanschtes Rinderserum vertreibt.“

PL BioScience ist nicht der einzige Anbieter von humanem Blutplättchenlysat, in Europa kommt vereinzelt Konkurrenz auf. In den USA war Mill Creek das erste Unternehmen, das 2010 Plättchenlysat für den klinischen Einsatz gemäß der guten Herstellungspraxis auf den Markt brachte. Doch das schreckt die Jungunternehmer nicht: „Es ist sogar in unserem Interesse, dass möglichst viele Unternehmen und wissenschaftliche Arbeitsgruppen auf Plättchenlysat umsteigen. Denn mit der Matrix haben wir ein weiteres exklusives Produkt im Angebot und noch einige neue Produktideen in der Pipeline“, betont Hemeda.

Redaktion: Presse und Kommunikation

 

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