Interview mit Professor Thomas Kron

  Professor Thomas Kron in einem Zoom-Call Urheberrecht: © RWTH Aachen

Wenn man Medienberichte über Coronaleugner und Impfgegner verfolgt, könnte man meinen, die Stimmung in Deutschland hat ihren Siedepunkt erreicht. Ist das so? Wir haben mal bei Professor Thomas Kron, Gewaltforscher am RWTH-Institut für Soziologie, nachgefragt, wie es um die deutsche Gemütsverfassung steht.

RWTH: Professor Kron, die einen wollen die Impfpflicht, andere fordern die Aufhebung aller Maßnahmen – wie wirkt sich dieser Spagat auf die deutsche Gesellschaft aus?

Kron: Es ist erwiesen, dass die Pandemie soziale Probleme verstärkt. Alles, was vorher schon kritisch war, ist in der Coronazeit schlimmer geworden. Häusliche Gewalt hat beispielsweise stark zugenommen, weil viele Menschen für ungewöhnlich lange Zeit auf engem Raum zusammenleben. Wenn gerade in der Stadt kein Garten oder Balkon vorhanden ist, wird Isolation besonders anstrengend. Man muss sich vergegenwärtigen: Wir leben seit zwei Jahren mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, die nahezu alle Lebensbereiche umfassen. Das schürt bei den einen Angst, bei den anderen wächst die Ignoranz. Ein Teil der Deutschen tendiert dazu, sich auf Entweder/Oder-Argumente festzulegen, entweder die Wissenschaft hat recht oder unrecht. Verschwörungstheorien bieten einfache Antworten, das Weltbild bekommt wieder Klarheit, die Unsicherheit wird beendet. Menschen, die dort einmal scheinbare Gewissheit erlangt haben, sind meist für wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr zugänglich.

RWTH: Jetzt ist es tatsächlich schon mal so, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widersprechen. Ist es nachvollziehbar, dass die Menschen verunsichert sind?

Kron: Natürlich. Wir Wissenschaftler sind uns durch unsere tagtägliche Arbeit bewusst, dass viele neue Erkenntnisse nicht in Stein gemeißelt sind und schon bald verworfen werden können – gerade wenn es um ein neuartiges Virus geht. Wir müssen uns darum immer wieder klarmachen, dass Menschen aus nicht-wissenschaftlichen Bereichen diese Unsicherheit nicht gewohnt sind und darauf mitunter trotzig reagieren. Medien – auch seriöse – machen es nicht besser, wenn sie beispielsweise in einer Talkshow Fachleuten die gleiche Anzahl Personen gegenübersetzen, die Verschwörungstheorien anhängen oder nichtbewiesene Aussagen wiederholen. Diese scheinbare Gleichgewichtung von Meinungen nennt man „false balance“ – „falsche Ausgewogenheit“. Dazu kommt, dass eine komplizierte Datenlage unterschiedlich interpretiert werden kann. Gerade wenn Daten aus einem anderen Land zu Rate gezogen werden müssen – wie oft in Deutschland der Fall, weil hierzulande zu wenig Daten vorliegen. Wir schauen meistens nach England rüber.

RWTH: Was könnte in der aktuellen Krise besser laufen?

Kron: Die Kommunikation! Man hätte meiner Meinung nach von Anfang an weniger von Gewissheiten sprechen dürfen, die nicht haltbar waren. Etwa dass eine zweifache Impfung sicher ausreicht, ein weiterer, aber letzter Lockdown nötig ist etc. Man hätte die Menschen besser darauf einstimmen müssen, dass sich die Lage immer wieder ändern kann – daran aber niemand Spezielles Schuld ist. So hätte man der Bevölkerung viel Frust erspart.