Weltwassertag: Interview mit Holger Schüttrumpf

  Zwei Personen neben einem Fluss Urheberrecht: © Peter Winandy

Deutschland gehört zu den Weltregionen, die in den letzten Jahren am meisten Wasser verloren haben. Anlässlich des heutigen Weltwassertages haben wir uns bei Professor Holger Schüttrumpf vom RWTH-Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft erkundigt, wie es dazu kommen konnte.

RWTH: Professor Schüttrumpf, muss bei uns das Wasser demnächst rationiert werden?

Schüttrumpf: Nein, Deutschland ist nach wie vor ein Land mit sehr viel Wasser. Seit Jahrzehnten beobachten wir sogar eine Zunahme des Niederschlags. Dieser ist nur leider sehr ungleich verteilt, das heißt, oft regnet es längere Zeit gar nicht und dann in ein paar Tagen sehr viel. Die Flutkatastrophe im letzten Jahr war unter anderem eine Folge dieser Ungleichverteilung. Dazu kommt, dass wir seit vielen Jahren eher nasse Winter und trockene Sommer haben – im Sommer verdunstet ein Teil des Wassers, bevor dieses sich in den Boden zurückziehen kann. Zunehmender Niederschlag hat auch keine große Erhöhung der Grundwasservorräte zur Folge, weil oft viel Wasser abfließt, ohne versickern zu können. Man kann also sagen, dass Deutschland als lokales Ergebnis des Klimawandels Grundwasser verloren hat.

RWTH: Was kann das für Folgen haben?

Schüttrumpf: Überall, wo die Wasserversorgung vom Grundwasserspiegel abhängig ist, könnte es Probleme geben – sei es für die Landwirtschaft, die Industrie oder die Wasserversorgung der Menschen. In Aachen beziehen wir das meiste Wasser aus den großen Talsperren – die aktuell übrigens gut gefüllt sind. Bei etwas über 800 Millimeter jährlichem Niederschlag pro Quadratmeter in Aachen wird sich das auch so bald nicht ändern. Aber wir Menschen müssen uns insgesamt auf eine größere Variabilität der Niederschläge und eine Abnahme der verfügbaren Gesamtmenge des Wassers einstellen. Wir unterscheiden beim Wasser zwischen Nutzung der Natur – also das, was Pflanzen und Tiere benötigen – und der anthropogenen Nutzung. Darunter fallen Landwirtschaft und Industrie, aber auch der Mensch als Individuum. Im Durchschnitt verbraucht ein deutscher Mensch 122 Liter Wasser am Tag – in NRW sind es sogar 133. Davon entfallen ungefähr 40 Prozent auf die Körperpflege, 30 Prozent auf die Toilettenspülung, 20 Prozent auf die Waschmaschine und 5 Prozent auf Essen und Trinken. Letzteres sind umgerechnet ungefähr sieben Liter, davon werden zwei bis drei Liter getrunken und der Rest zur Zubereitung von Speisen verwendet.

RWTH: Was können wir gegen den Wassermangel tun?

Schüttrumpf: Der Einzelne kann natürlich immer noch versuchen, Wasser zu sparen. Dies hat in den letzten 20 Jahren den Durchschnittsverbrauch in Deutschlang schon von fast 150 auf 122 Liter pro Person und Tag gesenkt. Wir müssen aber insgesamt unseren Wasserfußabdruck reduzieren – und das beinhaltet nicht nur die persönlichen Wasserbedarfe, sondern natürlich auch den Wasserbedarf für Industrie und Landwirtschaft. Viele Produkte, die wir kaufen, benötigen in der Herstellung sehr viel Wasser, etwa Kleidung. Aber das Beste gegen den Wassermangel wäre, wenn uns Mutter Natur zu Hilfe käme – mit einem schönen, langen Landregen.