Vulkanausbruch? Wunderschön!

29.11.2023
Professor Klaus Reicherter Urheberrecht: © RWTH Aachen

In Island reißt die Erde auf, in den Phlegräischen Feldern bei Neapel rumort es heftig – die Erde ist in Bewegung. Professor Klaus Reicherter ist Leiter des Lehr- und Forschungsgebiet Neotektonik und Georisiken an der RWTH Aachen – Erde kommt und Erde geht, sagt er und warum es dabei mächtig rumpelt, erklärt er im Interview.

 
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Erde kommt und Erde geht: Vulkan- und Erdbebenexperte Klaus Reicherter im Gespräch
 

Täuscht der Eindruck oder ist die Erde derzeit verstärkt in Bewegung?

Professor Klaus Reicherter: Der Eindruck täuscht natürlich. Die Erde ist immer in Bewegung, es gibt immer Erdbeben, immer Vulkanausbrüche, das ist überhaupt nichts Besonderes. Diese Wahrnehmung wird durch die Medien beeinflusst, denn während ein Erdbeben meist eine Katastrophe bedeutet mit Toten und Verletzten, ist ein Vulkanausbruch etwas Wunderschönes. Man sieht dieses fließende glühende Gestein, das ist schon sehr attraktiv.

Der drohende Ausbruch in Island, die starke Aktivität in den Phlegräischen Feldern – das ist normal?

Ja, das ist normal. Ich war selber noch vor vier Wochen in Campi Flegrei, und habe das stärkste Erdbeben mit einer Stärke von 4,2 noch mitgenommen. Vulkanische Beben sind ja etwas ganz anderes als Erdbeben, die tektonische Ursachen haben, also von Verwerfungen ausgelöst werden. Vulkanische Beben sind eher wie ein Tremor und sind permanent an aktiven Vulkanen zu messen. Natürlich beobachten und analysieren wir diese sehr gut, aber diese Beben hat es dort immer gegeben, die Erdkruste bewegt sich immer. Auch in den Phlegräischen Feldern, 79 nach Christus hat es dort im Süden Italiens den katastrophalen Ausbruch des Vesuvs gegeben, der Pompeii zerstörte. In der Solfatara bildete sich 1538 ein Schlackenkegel nach einem Ausbruch, der Montenuovo – das ist ähnlich dem, was wir hier in der Westeifel auch haben und erwarten. Was wir nun in Island, La Palma und den Phlegräischen Feldern – das sind die drei letzten großen Ereignisse in Europa – beobachten, ist der Aufstieg von Fluiden wie zum Beispiel Magma. Diese Fluide gehen durch die Erdkruste nach oben und erzeugen dabei kleinere Beben, die man verfolgen kann. Das ist genau wie bei den Blasen im Sprudelwasser, wenn die platzen, entstehen im Prinzip auch kleine Beben. Die Tiefe dieser Beben in der Erdkruste ist an den genannten Orten zuletzt flacher geworden. Durch die Beben können wir ziemlich genau das Volumen der Magma-Kammern bestimmen, das ist weder in La Palma noch in Island besonders viel. Wir erwarten also keinen unerschöpflichen Vulkanismus, der über Jahrzehnte geht, sondern reden eher über zwei, drei Monate, bis das Reservoir leer ist.

Wir reden also nicht über ein bevorstehendes Ereignis, sondern über eine Regelmäßigkeit?

Genau. Es sind sich wiederholende Ereignisse. Mal mit mehr, mal mit etwas weniger Volumen, auch die Lokalität kann sich ein bisschen ändern, aber die Solfatara ist ein Vulkangebiet, La Palma ist eine Vulkaninsel, Island ist eine Vulkaninsel – die Ereignisse konzentrieren sich schon dort. Wir reden nicht darüber, dass bald in Aachen ein Vulkan ausbricht.

Hängen die derzeitigen starken Aktivitäten in Italien und Island irgendwie zusammen?

Nein. Das sind komplett unterschiedliche Systeme. Der mittelatlantische Rücken verläuft quer durch Island, dort driften die nordamerikanische und die eurasische Platte auseinander, das heißt dort wird neues Material gebildet, daher auch der Vulkanismus dort. In Italien unter dem Thyrrenischen Meer und dem Apennin wird die Adriatische Platte subduziert, also in den Erdmantel abgeführt. Die Platte taucht ab und es kommt zu diesen Aufschmelzungen und Vulkanismus, wir kennen dort den Ätna, Stromboli oder den Vesuv. Das heißt einmal wird die Erde gespreizt, einmal wird die Platte in den Erdmantel abgeführt – sonst würde die Erde ja größer oder kleiner werden, aber die Plattentektonik des Erdumfangs hat eine Konstanz. Was neu gebildet wird, muss irgendwo weggehen.

Das heißt, an bestimmten Orten verschwindet Erdoberfläche?

Ja, es verschwindet Erdoberfläche, es verschwinden beispielsweise ganze Inseln. Das passiert um den ganzen Pazifik herum, ein großes Beispiel sind die Anden, dort wird subduziert. Weitere Beispiele sind der Nordteil der Kaskaden mit dem Mount St. Helens, dann Kanadas Küste hoch, die Aleuten, Kamtschatka in Russland, Japan natürlich – entlang dieses pazifischen „Ring of Fire“ wird überall verschluckt, subduziert.

Und in Island wird neues Land gebildet.

Exakt. Da werden die Platten auseinandergezogen, der Erdmantel kommt an die Oberfläche und bildet neues Land, das die Platten auseinanderdrückt.

Klingt unspektakulär,,,

Ist unspektakulär – plattentektonisch. Aber ist natürlich ein Ausbruch – mit Lavaströmen und allem, was dazugehört und sehenswert.

Zurück nach Italien: Die Phlegräischen Felder werden auch als Supervulkan bezeichnet – ist das ein wissenschaftlicher Begriff?

Supervulkane sind sehr große Vulkane, die tatsächlich zu sehr großen Explosionen führen können. Es gibt kleine wie Vesuv und Ätna, auch die Vulkane im Massif Central oder der Westeifel gehören dazu, diese Vulkane produzieren Material von unter einem Kubikkilometer. Daher ist wie oben angesprochen, der Ausbruch nach relativ kurzer Zeit vorbei. Die Supervulkane hingegen benötigen ein bisschen mehr Feuer von unten, die produzieren das zehn- oder hunderttausendfache davon. Der bekannteste dürfte der Yellowstone in den USA sein mit einer Caldera, also einem Vulkankessel von über 80 Kilometern Durchmesser. Auf einer derart riesigen Fläche bricht es mal hier, mal dort aus. Würde ein Supervulkan ausbrechen, hätte das starke Auswirkungen auf das Klima, da die Aschewolken die Sonne verdunkeln. Da wir die Klimaerwärmung ja bislang nicht in den Griff bekommen, gibt es übrigens Wissenschaftler, die sich mit diesem Geoengineering eines künstlichen oder provozierten Vulkanausbruchs, der Gase in die Atmosphäre zu bringen würde beschäftigen – das ist echt spooky.

Droht der Superausbruch?

Nein. Wir monitoren das sehr gut, der Ausbruch eines Supervulkans droht nicht. Aber wir dürfen es nicht auf die leichte Schulter nehmen, sollte das in den Phlegräischen Feldern schlimmer werden, müssen drei Millionen Menschen evakuiert werden.

Wie schauen Sie als Wissenschaftler auf solche Naturphänomene? Mit Faszination, mit Furcht?

Auf Erdbeben schaue ich immer mit sehr großer Furcht, weil sie, insbesondere in ärmeren Gebieten mit schlechter Bausubstanz, immer mit vielen Opfern verbunden sind. Auf Vulkane schaue ich anders – natürlich solange keine Opfer zu beklagen sind. Das ist spektakulär, das ist schön, das ist nicht schlimm. Ein Vulkanausbruch ist etwas Wunderschönes, das ist quasi ein Touristenmagnet und -Hotspot. Ich kenne viele Leute, die nach Island gefahren sind, einfach, um mal so einen Lavastrom zu erleben. Das ist sehr beeindruckend.