Börsenmakler und Wirtschaftsmanager im Fokus der Neurobiologie

26.01.2011

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Emotionaler Kick oder nüchterne Kalkulation: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der RWTH Aachen gehen der Frage nach, wie die individuelle Persönlichkeit finanzielle Entscheidungen beeinflusst. Welche neurobiologischen Grundlagen bestimmen, ob ein Mensch sich eher risikofreudig oder risikoarm verhält? Haben diese persönlichen Anlagen Auswirkungen auf die Berufswahl?

 

Um diese Fragen zu beantworten, analysieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Federführung von Univ.-Prof. Dr. med. Ingo Vernaleken aus der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen die molekularbiologischen Abläufe im Gehirn bei individuellen Finanzentscheidungen. Dabei kooperieren der Neurowissenschaftler und sein Team unter anderem mit Univ.-Prof. Dr. rer. pol. Malte Brettel vom RWTH-Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler.

Mit einem interdisziplinären Ansatz, der ökonomische Entscheidungsmodelle, neuropsychologische Untersuchungsmethoden und moderne Bildgebungsverfahren verbindet, lassen sich die biologischen Grundlagen im Gehirn bei finanziellen Entscheidungsprozessen nachvollziehen und abbilden. „Wir wissen, dass die Erwartung einer Belohnung oder eines positiven Erlebnisses dopaminäre Aktivitäten im ventralen Striatum auslöst“, berichtet Ingo Vernaleken. „Daher erwarten wir bei der Gruppe der risikofreudigeren Probanden während des Experiments eine erhöhte Dopamin-Synthesekapazität.“ Dieses Maß für die Funktionsfähigkeit eines wichtigen Botenstoffs im Hirn ist bekannt dafür, einen erheblichen Einfluss auf das menschliche Verhalten, seine Entscheidungsfindungen und seine Hirnleistung zu haben. Sollte sich diese These bewahrheiten, wäre ein interessanter Zusammenhang zwischen individueller Neurobiologie und Ökonomie gefunden.

Im Rahmen des Forschungsprojekts kommen wirtschaftliche Entscheidungsmodelle aus der Volkswirtschaft zum Einsatz. Bei einem Lotteriespiel mit realen Ausschüttungen, das als Prototyp für Finanzentscheidungen dient, können sich die Probanden zwischen riskanteren Spielverläufen mit höheren Gewinnen und sicheren Varianten mit niedrigeren Gewinnen entscheiden. „Mit diesem Experiment lässt sich unterschiedliches Risikoverhalten abbilden“, erläutert Malte Brettel. Zurzeit laufen die ersten Messungen mit dem Positronen-Emissionstomographen. Als Probanden wurden zunächst Studierende der Wirtschaftswissenschaften und der Humanmedizin sowie Lehramtsstudierende ausgewählt. „Interessanterweise zeigt sich bei unseren ersten Probanden, dass die risikofreudiger Denkenden auch eine erhöhte Präferenz zu wirtschaftsrelevanten Berufen haben“, berichtet der Wirtschaftswissenschaftler.

Aus dem Forschungsvorhaben könnten sich aus Sicht der Beteiligten verschiedene Folgeprojekte ergeben. Neurowissenschaftler Ingo Vernaleken: „Es wäre beispielsweise interessant zu erforschen, welche menschlichen Phänotypen in maßgeblichen wirtschaftlichen Positionen arbeiten – und wie sich ihr Entscheidungsverhalten auf die Wirtschaftsentwicklung des jeweiligen Unternehmens auswirkt.“

Das Forschungsvorhaben „Dopamin-Ausschüttungen im Gehirn als Grundlage ökonomischer Entscheidungsfindungen“ ist Bestandteil des Projekthauses Interdisciplinary Management Practice (IMP), mit dem die RWTH Aachen im Rahmen der Exzellenzaktivitäten interdisziplinäre Forschungsaktivitäten fördert.

Ilse Trautwein