DFG-Förderung: 50 Jahre marokkanische Zuwanderung in Deutschland

16.05.2013

„Nachdem am 21. Mai 1963 ein Anwerbeabkommen unterzeichnet wurde, kamen insgesamt rund 170.000 Marokkaner nach Deutschland. Diese Gruppe wurde bislang wissenschaftlich kaum erforscht, wir legen jetzt – pünktlich zum 50. Jahrestag des Abkommens – erste Forschungsergebnisse vor“, erläutert Professorin Carmella Pfaffenbach vom Lehr- und Forschungsgebiet Kulturgeographie der RWTH Aachen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte das Aachener Projekt mit dem Titel „Der Einfluss des deutschen Islambildes auf die Alltagsgestaltung und die raumbezogene Identitätsbildung muslimischer Araber in Nordrhein-Westfalen“ für die Dauer von zwei Jahren mit 90.000 Euro.

 

Carmella Pfaffenbach und Maike Didero, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsgebiet Kulturgeographie, stellen ihre Forschungsergebnisse auf der Konferenz „50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland – MigrantInnen als Brückenbauer zwischen den Welten“ vor. Diese wird vom Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk DMK e.V. und dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) in Kooperation mit dem Ministerium für im Ausland lebende Marokkaner sowie der Botschaft des Königreichs Marokko in der Bundesrepublik Deutschland am 26.6.2013 in Berlin ausgerichtet.

Individuelle Zuwanderungsstudien

„Das Erstaunliche an dieser Zuwanderergruppe ist ihre extreme Vielfalt und interne Heterogenität“, analysiert Didero. Kamen die ersten Zuwanderer fast ausschließlich aus dem armen, ländlich geprägten Nordosten Marokkos, so sind heute Menschen aus fast allen marrokanischen Städten und Dörfern in Deutschland. Das Bildungsniveau variiert von Analphabeten ohne abgeschlossene Ausbildung bis zu Hochschulabsolventen, teilweise mit Doktorgrad. „In unserem Projekt wollten wir herausfinden, wie sich diese unterschiedlichen Bildungsniveaus und sozialen Positionierungen auf Integrationsprozesse sowie aktuelle und zukünftige Wohnortentscheidungen auswirken“, erläutert Didero. Sie ergänzt: „Basis unserer Arbeit waren individuelle Biographien“.

Empirische Untersuchungen

Didero führte 40 Tiefeninterviews mit marokkostämmigen Einwohnern aus dem Großraum Aachen, Köln und Bonn. Anders als in quantitativen Studien konnten die Befragten in den bis zu zweistündigen Interviews ihre Lebensgeschichte erzählen und ihre Berufs- und Wohnortwahl ausführlich begründen. Obwohl die Auswertung der insgesamt knapp 1.000 Seiten Interviewmaterial aufwendig und komplex war, erwies sich dieser Zugang als ideale Methode für das Projektziel.

Bergbau oder „Pralinen mit Blattgold verzieren“

Wenig bekannt ist beispielsweise, dass bis zum Anwerbestopp 1973 nicht nur männliche Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen. Auch Frauen wurden in Marokko gezielt angeworben. Während die Männer in der nordrhein-westfälischen oder hessischen Automobil- und Stahlindustrie, im Bergbau sowie dem Baugewerbe Arbeit fanden, kamen die jungen, ledigen Frauen unter anderem in der Aachener Süßwarenindustrie unter. Eine ehemalige Arbeiterin erinnert sich stolz „Ich war besonders geschickt. Deshalb durfte ich die Pralinen mit Blattgold verzieren. Das war mein Lieblingsjob!“ Die Männer hatten zumeist extrem anstrengende Berufe, bei denen sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Dennoch waren sie zufrieden: Geregelte Arbeitsbedingungen und ein regelmäßiges Einkommen waren oft mehr, als sie aus ihrer Heimat gewohnt waren. Auch wenn viele nie die Gelegenheit hatten, perfekt Deutsch zu lernen: Zu Hause fühlen sie sich in ihren neuen Heimatstädten in NRW ebenso wie in ihren Heimatdörfern in Marokko. Heute in Rente, sind einige zurückgewandert, andere geblieben. Die meisten pendeln regelmäßig zwischen ihren Familien und Freunden in Deutschland und ihren sozialen Netzwerken in Marokko.

Marokkanische Studenten und Akademiker

Den Arbeitsmigranten folgten in den 80er und 90er Jahren in vielen Fällen Ehepartner und Kinder. Seit 1989 das deutsch-marokkanische Kulturabkommen geschlossen wurde, kommen Marokkaner und Marokkanerinnen zunehmend zu Ausbildungszwecken nach Deutschland. Anders als die zumeist nur wenig gebildeten Arbeitsmigranten haben die Studienmigranten bereits in Marokko ihr Abitur absolviert. Viele von ihnen sprechen bei ihrer Ankunft bereits zwei oder drei Sprachen. Deutsch zu lernen fällt ihnen daher nicht schwer. Die ersten mussten jedoch teilweise auf Ausbildungsberufe ausweichen, weil sich die Hürden des deutschen Universitätssystems als zu hoch erwiesen. Die folgenden Zuwanderer waren besser vorbereitet: Viele von ihnen arbeiten heute erfolgreich als Ingenieure, Ärzte oder Sozialwissenschaftler. Beruflich etabliert, fühlen sie sich an ihren Wohnorten in NRW sehr wohl. Eine Rückkehr nach Marokko ist nur dann eine Option, wenn die berufliche Laufbahn in Deutschland gehemmt wird, zum Beispiel durch die fehlende Anerkennung von heimatstaatlichen Berufsqualifikationen. Andererseits werden Zuwanderer aus Marokko oft als Muslime identifiziert und erleben daher sowohl im Beruf als auch in der Freizeit immer wieder religionsbezogene Vorurteile und Benachteiligungen. Besonders schwierig sind solche Ausschluss- und Diskriminierungserfahrungen für die in Deutschland geborenen Kinder marokkanischer Eltern zu ertragen. Denn ihre Heimat ist dort, wo sie aufgewachsen sind: In einer bestimmten Stadt in Deutschland. Wichtig ist für sie, hier anerkannt zu werden: „Egal wer du bist. Egal wo du herkommst. Einfach nur so als Mensch.“