RWTH-Professor van der Aalst ist Gründungsvater des Process Mining

11.02.2020

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Niederländischer Informatiker kam mit einer Humboldt-Professur an die Aachener Exzellenzuni.

 

Bestellt RWTH-Professor Wil van der Aalst online ein Hemd oder eine Hose, sieht er nicht nur die entsprechenden Formulare im Display – er kennt auch die erforderlichen digitalen Abläufe zur Abwicklung eines solchen Kaufs. Für den 53-jährigen Experten des Prozessmanagements ist jeder Schritt der Bestellung ein Ereignis. Und damit ist es ein Gegenstand seines Forschungsfeldes Process Mining, was bedeutet, Daten zu erfassen, zu dokumentieren, um sie dann in Prozessmodelle zu überführen. Process Mining gilt als die „Schlüsseltechnologie für die Arbeit der Zukunft“ und wurde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Deutschen Zukunftspreis 2019 ausgezeichnet.

An der RWTH arbeitet daran die weltweit führende Forschergruppe, geleitet von dem Niederländer van der Aalst, der zu Beginn 2018 mit einer Alexander von Humboldt-Professur nach Aachen kam. Bereits 1999 erschloss der Informatiker in wissenschaftlicher Pionierleistung an der Technischen Universität Eindhoven das Forschungsfeld Process Mining. Bis dato wurden Prozesse in Unternehmen modelliert und anschließend versucht, diese Prozessmodelle in der Realität anzuwenden. „Damals hatte ich das Gefühl – das läuft so nicht. Die Modelle hatten selten viel mit der Wirklichkeit zu tun“, erinnert sich van der Aalst. Jahrelang stand er mit dieser Einschätzung recht alleine da. Systeme wurden eingeführt, funktionierten nicht und mussten ständig angepasst werden. Modellierte Prozessmodelle berücksichtigen weder Krankheiten noch Kaffeepausen, blieben immer unzulänglich.

Schwachstellen im Prozess werden deutlich

Der Ansatz von Process Mining ist ein anderer: Zunächst werden die Daten erfasst, also beispielsweise Verhaltensweisen von Beschäftigten oder Kundinnen und Kunden, dann ausgewertet und mit den Prozessen – etwa Bestellung eines Produktes – verbunden. Eine Bestellung, eine Zahlung, eine Stornierung, alles sind Ereignisse, die einem Fall – oft viele Tausende Mal – zugeordnet werden. Damit sind 80 Prozent des Process Mining Datensammlung und 20 Prozent Analyse. Am Ende wird deutlich, wo Prozesse Schwachstellen haben und Zeit verloren geht oder Abläufe nicht deutlich genug sind.

„Process Mining ist spektakulär, weil echte Daten mit oftmals überraschenden Resultaten verwendet werden. Erst scheint es abstrakt, aber am Ende ist es generisch und völlig logisch an vielen Stellen einsetzbar“, erläutert van der Aalst als ein anerkannt führender Kopf der Computer Sciences. Seine Forschungen zeichnen sich dadurch aus, dass er konkrete Geschäftsprozesse, Arbeitsabläufe oder Organisationsstrukturen untersucht und sich nicht auf Fragen rund um die reine Datenverarbeitung mittels Software oder Algorithmen beschränkt.

In Zukunft Standardsoftware

Heutzutage basieren die Gepäckabwicklung an Flughäfen, die Abläufe bei Versorgung von Patienten in Krankenhäusern oder auch der Online-Handel immer häufiger auf Process Mining. Große Unternehmen wie Siemens und BMW haben das Thema für ihre Produktionsstätten entdeckt. An Windturbinen sind über 200 verschiedene Ereignisse möglich, die mit Process Mining ausgewertet werden. „Als ich mit meiner Forschung begann, war das noch schwer vorstellbar“, sagt van der Aalst.

Viele seiner früheren Studierenden aus den Niederlanden wurden unternehmerisch tätig, mehr als 30 Neugründungen weltweit basieren auf dieser Technologie des Process Mining. Die erste Firma aus dem Jahr 2007 wurde mittlerweile an den Branchenriesen Lexmark verkauft. Andere wie Fluxicon und ProcessGold sind auf einem größer werdenden Markt ständig gewachsen. Das Münchener Start-up Celonis, mit van der Aalst als Scientific Advisor, ist Gewinner des Deutschen Zukunftspreises 2019. „Wil van der Aalst ist bekannt als der Gründungsvater von Process Mining“ – so informiert das preisgekrönte Unternehmen auf seinen Webseiten.

Der Process Mining-Experte veröffentlichte 2011 sein erstes Buch. Er bot einen offenen Onlinekurs als so genannten MOOC an, dem weltweit 120.000 Menschen folgten. Im Sommer 2019 fand in Aachen der weltweit erste wissenschaftliche Kongress zum Thema Process Mining statt und das Thema wächst beständig. „Es verändert die Arbeit und wir haben noch Entwicklungsbedarf – Process Mining-Software wird zur Standardsoftware in der Wirtschaft werden“, sagt van der Aalst.

Redaktion: Presse und Kommunikation