Achtung Geisterfahrer!

25.06.2014

„Autofahrer aufgepasst – Ihnen kommt ein Falschfahrer entgegen!“ Pro Jahr werden im Rundfunk etwa 2.000 solcher Warnmeldungen gesendet. So genannte Geisterfahrer verursachen immer wieder Unfälle. „In drei Prozent der Fälle enden sie tödlich, meistens führen sie zu überdurchschnittlich schweren Unfallfolgen und Personenschäden“, berichtet Dr.-Ing. Dirk Kemper. Der 40-Jährige ist Oberingenieur am RWTH-Institut für Straßenwesen Aachen, kurz isac genannt. Er forscht zusammen mit seinem Kollegen Tobias Volkenhoff seit vier Jahren zu diesem Problembereich, der auch in der Öffentlichkeit stets große Aufmerksamkeit erregt.

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  Ein Fahrer in einem Autosimulator Urheberrecht: Peter Winandy Dr.-Ing. Dirk Kemper vom RWTH-Institut für Straßenwesen Aachen simuliert einen Geisterfahrer. Der Oberingenieur entwickelt mit seinem Team ein elektronisches Falschfahrer-Warnsystem.

Laut ADAC sind Falschfahrer überwiegend männlich, sie kommen aus allen Altersschichten. Als Hauptursachen für ihr Fehlverhalten im Verkehr gelten Alkohol- und Drogeneinfluss, Suizidabsichten, Verwirrtheit, aber auch schlechte Sichtverhältnisse oder unübersichtliche Verkehrsführungen. „Die Hälfte der Falschfahrten beginnt an Anschlussstellen, zum Beispiel mit dem falschen Auffahren auf Autobahnen zumeist durch zu frühes Linksabbiegen. Einige dieser Anschlussstellen weisen auch erhebliche Mängel auf“, so Kemper.

In Bayern warnen seit über drei Jahren große grellgelbe Schilder an Autobahnabschnitten, um unabsichtliches Fehlverhalten zu verhindern. Österreich macht dies bereits seit rund 20 Jahren, allerdings ohne durchgreifenden Erfolg: „Diese Maßnahme zielt nur auf potenzielle Falschfahrer, erreicht aber nicht die anderen Verkehrsteilnehmer im Gefahrenbereich“, erläutert Kemper. „Es gibt bislang kein umfassendes automatisches Sicherheitssystem“, ergänzt Volkenhoff. Aus diesem Grund arbeitet das isac zusammen mit der Wilhelm Schröder GmbH und dem Lehrstuhl für Kommunikationssysteme der TU Dortmund an einem elektronischen Detektions- und Warnsystem unter Einsatz von Funktechnologien. Das Forschungsprojekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand gefördert.

Sensoren spüren Falschfahrer auf

Das neuartige Detektionssystem ist technisch einfach gestaltet und funktioniert unter Nutzung von Radio-Tomographie. „Funkmodule in sechs Leitpfosten bilden ein Detektionsfeld, das die Fahrtrichtung von Autos aufspüren kann. Schlägt es Alarm, wird die Warnung per Mobilfunk direkt an die Polizei weitergegeben“, erklärt Kemper. Das System ist darüber hinaus besonders kostengünstig: Es sind nur geringe Wartungen nötig, denn es kann lang andauerndem Einfluss von Niederschlägen oder Taumitteln in Wintermonaten standhalten. Es ist temperaturbelastbar, UV-beständig und äußerst bruchfest. Zudem bleibt der Verkehrsraum unberührt: Für die Energieversorgung der Mess- und Kommunikationstechnik sorgen Solarzellen, die im Leitpfosten angebracht sind. „Eine teure Verkabelung der Auffahrten ist somit nicht nötig“, so Volkenhoff: „Das System kostet etwa so viel wie die bisher bevorzugten Warntafeln.“

„Der entscheidende Vorteil liegt vor allem im Zeitgewinn“, unterstreicht Kemper. In der Regel beträgt die Zeit vom Eingang eines Notrufs bei der Polizei bis zum Einstellen der Information in das System TMC - Traffic Message Channel, dem Verkehrsservice der Radioprogramme - drei bis vier Minuten. Bis dann hat die Fahrer oder die Fahrerin durchschnittlich bereits mehr als 5,5 Kilometer zurückgelegt. Mit dem automatischen System braucht die Warnung nur noch sieben Sekunden, und das Fahrzeug ist nur 100 Meter weiter.

Warnen allein reicht nicht aus

Das Detektionssystem funktioniert folgendermaßen: Ein LED-Licht, das in den Leitpfosten integriert ist, blinkt hell auf, eine Meldung erscheint darüber hinaus im Navigationssystem. Außerdem wird der Hinweis direkt über den TMC verbreitet und über den Rundfunk gesendet. Eine Warnung kann auch als SMS versendet und über eine App empfangen werden. „Damit ist eine umfassende Nutzung der heutigen Kommunikationswege möglich“, so Volkenhoff.

Für den Ernstfall einer stattfindenden unmittelbaren Begegnung mit einem Geisterfahrer geben die Verkehrsexperten auch Empfehlungen. Es sei wichtig, innerlich ruhig zu bleiben, auf die rechte Spur zu fahren, den Fuß vom Gas zu nehmen und keinesfalls zu überholen. Ist das entgegenkommende Fahrzeug schon in Sicht, muss die Warnblinkanlage eingeschaltet und auf die Standspur gewechselt werden.

Warnsysteme kann das isac mit Probanden im institutseigenen Fahrsimulator testen. Sie werden dann selber zum Falschfahrer oder geraten in Situationen, in denen ihnen ein Geisterfahrer entgegenkommt. Dabei zeigte sich: „Alle verhielten sich eindeutig verkehrssicherer, wenn sie vom System eine klare Handlungsanweisung erhielten”, resümiert Volkenhoff. Und die könnte zum Beispiel lauten: „Einfahrt verboten! Halten Sie am Fahrbahnrand und alarmieren Sie die Polizei!”

Weitere Forschungsthemen finden Sie in der aktuellen Ausgabe der RWTH-Insight.