Packing-Rate – die Kunst des Überspielens

24.06.2016

RWTH-Absolvent Matthias Sienz ist Softwareentwickler bei der Impect GmbH und analysiert unter anderem die Europameisterschaftsspiele der deutschen Nationalmannschaft.

  Mann vor dem SuperC Urheberrecht: Sebastian Dreher Matthias Sienz ist einer der Menschen, die hinter dem Begriff „Packing-Rate“ stehen.

Fußballspieler stehen unter ständiger Beobachtung, jede Leistungsabweichung kann sich auf den Einsatz im nächsten Match auswirken. Beobachtet werden sie nicht nur von Trainern und Mannschaftskollegen, auch spezielle Dienstleister nehmen die Sportler genau unter die Lupe. „Trainer greifen bei der Bewertung ihrer Spieler zum Teil auf Daten externer Firmen zurück“, erklärt Matthias Sienz. „Diese Daten setzen sich aus verschiedenen Statistiken zu Pässen, Laufwegen, Zweikämpfen und vielem mehr zusammen. Damit werden die Spieler konfrontiert – nicht selten sind die Bewerteten anderer Meinung.“ Sienz leitet die Softwareentwicklung bei der Impect GmbH, der Firma, die mit ihrer neuen Methode, Fußballspieler mittels der „Packing-Rate“ zu bewerten, aktuell für Furore sorgt. Sienz hat an der RWTH einen Master in Elektrotechnik abgeschlossen, momentan sattelt er noch ein Informatikstudium drauf.

Die Impect GmbH wurde von Jens Hegeler, Spieler von Hertha BSC Berlin, und Ex-Profikicker Stefan Reinartz gegründet, der unter anderem für Bayer Leverkusen im Einsatz war. Reinartz war in seiner aktiven Zeit mehr als einmal verwundert über das, was Trainer und Analysten über sein Spiel dachten. Oft ging er vom Platz und dachte, sein Spiel wäre gut gewesen – die nackten Zahlen behaupteten später etwas Anderes. Also begann er, seine eigene Methodik zu entwickeln. Dafür wollte er sich auf das konzentrieren, was das Wichtigste ist, um ein Tor schießen zu können: am Gegner vorbeikommen. Reinartz nannte es die Packing-Rate.

System mit Zukunft

Nach Auswertung ungezählter Spiele war klar, dass sein System Zukunft hatte. Um seine Idee, die zu dieser Zeit aus einer losen Zettelsammlung bestand, in eine professionelle Form zu bringen, holte sich Reinartz seinen alten Freund Sienz ins Boot – die beiden haben seinerzeit in Overath nahe Köln gemeinsam die Schulbank gedrückt. Sienz hat sich erst durch hunderte Seiten voller Aufzeichnungen arbeiten müssen. „Gestartet haben wir mit Excel“, erinnert er sich. „Mittlerweile arbeiten wir allerdings mit einem cloudbasierten System.“

Das Grundprinzip des Analysesystems ist sehr einfach: Die Spieler werden von hinten nach vorne – vom Torwart bis zum Stürmer – durchnummeriert. Anschließend wird vor und nach einem Abspiel oder Pass geprüft, wie viele Gegenspieler sich noch zwischen ballführendem Spieler und gegnerischem Tor befinden, und die Differenz gezählt. Die Packing-Rate drückt aus, wie viele Gegner ein Spieler im Laufe einer Begegnung „überspielt“ hat. „Angenommen, Jérôme Boateng hat als Abwehrspieler den Ball und alle elf Gegenspieler können das eigene Tor noch verteidigen. Er schlägt einen Pass auf Müller, der sich inmitten der gegnerischen Verteidigung befindet. Zum Zeitpunkt der Annahme von Müller befinden sich noch fünf Gegenspieler zwischen Müller und dem gegnerischen Tor. Wenn Müller den Pass dann erfolgreich behaupten kann, hat Boateng mit dem Pass sechs Gegner überspielt“, erklärt Sienz. „Aufaddiert auf das ganze Spiel ergibt sich dann die Packing-Rate des Spielers.“ Da es nun aber schwieriger und für das Toreschießen wichtiger ist, die Verteidiger und den Torwart der gegnerischen Mannschaft zu überspielen, sind die letzten sechs Spieler „mehr“ Wert. Das Überspielen dieser Verteidiger ergibt den sogenannten Impect-Wert.

Für eine vollständige Spieleranalyse sind allerdings noch weitere Faktoren wichtig – sogenannte Kennzahlen. „Dazu zählen Aktionen wie Balleroberung, Ballannahmen, Passverwertung, aber auch das Verlieren eines Balles.“ Bei Letzterem spielt noch eine Rolle, ob ein Stürmer oder ein Verteidiger den Ball verliert – im zweiten Fall sind die Folgen in der Regel weitaus schlimmer. „In die Bewertung jeder unserer Kennzahlen fließen unter anderem Folgeaktionen ein, wobei wir alleine für die Offensivaktionen der Packing-Rate über 40 verschiedene Muster unterscheiden.“

Berater der deutschen Nationalmannschaft

Bundesligist Bayer Leverkusen war der erste deutsche Verein, der die neue Analysemethode ausprobierte. Bald interessierte sich auch der zu diesem Zeitpunkt vereinslose Thomas Tuchel für das Tool. Als dieser bald darauf den Trainerposten bei Borussia Dortmund übernahm, kam Impect auch dort zum Einsatz. Mittlerweile beraten Sienz und seine Kollegen – darunter Daniel Sabinasz und Alexander Graß von der RWTH – weitere Bundeligavereine und sogar die deutsche Nationalmannschaft.

Stefan Reinartz hat seine Methode im Vorfeld der Europameisterschaft vorgestellt, die Packing-Rate ist in aller Munde, kein Sportreporter, der die Methode nicht schon einmal erwähnt hat. „Wir stehen über einen Mittelsmann bei der ARD in Kontakt mit Mehmet Scholl und versorgen ihn für seine Analysen mit Daten zu den Deutschlandspielen, aber auch zu allen anderen EM-Begegnungen“, sagt Sienz. Beim ersten Match der deutschen Nationalelf gegen die Ukraine bekam Toni Kroos Bestnoten, er hatte eine Packing-Rate von 112 und einen Impect-Wert von 14. Zweitbester war Boateng mit einer Packing-Rate von 75. „Die Werte werden besonders interessant, wenn man sie mit denen aus der Bundesliga vergleicht“, sagt Sienz. „Dort liegt die durchschnittliche Packing-Rate bei 28.“

Redaktion: Presse und Kommunikation