University 4.0: Teaching and Learning in the Era of the Fourth Industrial Revolution

  Mehrere Personen auf einem Monitor Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Wie können Universitäten den bestmöglichen Benefit für die Gesellschaft schaffen? Wie muss sich die Lehre dafür verändern? Welche Potenziale gibt es bereits? Im Panel „University 4.0: Teaching and Learning in the Era of the Fourth Industrial Revolution“ setzten sich die internationalen Expertinnen und Experten mit diesen Fragestellungen auseinander. Moderiert wurde die Runde von Prasanna Oommen, die mit zwei spannenden Keynotes startete.

 

Keynote von Professorin Lynda Gratton

Mit ihrer Keynote beim Wissenschaftsabend „The New Fiction of Good Science – in Need of a Paradigm Shift?!“ sorgte Lynda Gratton für Aufsehen. „Ist she roasting the wohle education System?“, wurde passenderweise im Chat gefragt, während die Professorin für Management-Praxis, London Business School, und Autorin von „The New Long Life“, zum Thema „University 4.0: Teaching and Learning in the Era of the Fourth Industrial Revolution“ sprach.

Gratton skizzierte den erforderlichen Wandel von einem Drei-Stufen-Modell (Three-Stage Model), in dem Bildung (Education), Arbeit (Work) und Ruhestand (Retirement) jeweils Vollzeit nacheinander folgen. „Wir können aber alle Bildung nicht mehr in eine Phase unseres Lebens packen!“, betonte sie.

Ohnehin sei es kaum mehr sinnvoll, das zu lernen, was jetzt und in Zukunft auch Maschinen und Künstliche Intelligenz leisten könnten. Doch repetitives Lernen sei an den Universitäten immer noch wesentlicher Bestandteil der Ausbildung junger Menschen. Gratton fordert eine neue Fokussierung: Die entscheidenden Fähigkeiten (Crucial Skills) seien aus ihrer Sicht dabei Kreativität und soziale Fähigkeiten.

Sie müssten viel stärker als zuvor entwickelt werden. Und es bräuchte mehr Begegnung kreativer Menschen. Die entscheidende Frage für „Teaching and Learning in the Era of the Fourth Industrial Revolution“ sei: „Wie designen wir neue Lernerfahrungen, die es kreativen Menschen ermöglichen, auf andere zu stoßen, die sie noch nie zuvor getroffen haben?“

Die Keynote zum Anschauen

 

Keynote von Professor Anant Agarwal

Die Pandemie hat auch die Universitäten mit einer neuen Normalität konfrontiert. Dies verdeutlichte Anant Agarwal, Gründer und CEO von edX und Professor für Elektrotechnik und Informatik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), in seiner Keynote „The New Normal in Education“. Diese neue Normalität basiert auf der erzwungenen Digitalisierung der Lehre, für die die Technologie längst da war, die COVID19-Pandemie einen flächendeckenden Einsatz aber erst erzwungen hat. Universitäten waren in der Regel in der Lage zu reagieren. Die Frage ist: Was folgt in einer Post-COVID19-Zeit? Die neue Normalität ist für Anant Agarwal ein flexibler Mix aus Onlineangeboten und Präsenzkultur.

Das nun etablierte Online-Lernen sei aber die größte Revolution in der Bildung seit sehr langer Zeit. Und sie sei gut für die Gesellschaft, ermögliche sie doch wesentlich individuellere, flexiblere Lernangebote – für jeden Menschen überall auf der Welt. Agarwals Ansatz sind sogenannte Microbachelor, Zertifikate, aus denen sich Menschen aus aller Welt an Universitäten aus aller Welt ihr persönliches Studium zusammenstellen könnten – ganz modular.

Agarwal sagte, es mache immer Spaß träumen, wie die Zukunft an unseren Universitäten aussehe. Die wichtigste Frage sei für ihn: Welche Einrichtungen können für die Lernenden geschaffen werden, um ihnen die für sie individuell bestmöglichen Angebote zu machen.

Die Keynote zum Anschauen

 

Diskussionsrunde

Personen in einem Filmstudio Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

In welchem Umfang oder in welcher Qualität die Digitalisierung der Lehre notwendig und effizient ist, stand im Fokus des Panels „University 4.0: Teaching and Learning in the Era of the Fourth Industrial Revolution“. Unter der Moderation von Prasanna Oommen wurde im Gespräch von Professorin Simone Buitendijk, Vizekanzlerin der Universität Leeds, Professorin Anna Karlsson-Bengtsson, Vizepräsidentin der Chalmers University of Technology, Professor Andreas Barner, Präsident des Stifterverbandes, und dem Aachener Promovenden Raphael Kiesel deutlich, dass Digitalisierung allein keine hinreichende Verbesserung der Lehre zur Folge habe.

Fakt ist, dass die COVID19-Pandemie die Lehre weltweit bereits verändert hat. „Die Pandemie hat uns allen gezeigt: Digitalisierung ist möglich. Sie ist in den vergangenen Monaten nicht immer gelungen, aber ist war möglich. Vor fünf Jahren war eine Vorlesung als Video noch die Champions League der Lehre. Das hat sich binnen kurzer Zeit verändert. Nun müssen wir die passenden Formate und Inhalte finden, um uns gezielt den realen Ansprüchen zu stellen“, erläuterte Raphael Kiesel.

  Personen stehen an Rednerpulten Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Aber was sind die Ansprüche, die passenden Formate und Inhalte?

Einigkeit herrschte, dass es kein Weiter-so aus der Zeit vor der Pandemie geben könne. „Wir müssen intensiver darüber nachdenken, was wir für unsere Studierenden wollen, und wie wir sie auf die Zukunft vorbereiten möchten. Wir müssen die reale Welt in unsere Universitäten bringen. Universitäten sind keine geschlossenen Räume“, machte Simone Buitendijk deutlich.

Spannende Thesen wurden dazu entwickelt:

„Studierende müssen ihren eigenen interdisziplinären Weg einschlagen können, sie müssen ihre Kurse aus allen Disziplinen individuell wählen können, um sich den komplexen Herausforderungen der Gesellschaft zu stellen“, erklärte Anna Karlsson-Bengtsson. „Hybride Lehre ist dabei unser kurzfristiges und in ihrer Entwicklung auch langfristiges Ziel. Unsere Gesellschaft verändert sich, und wir haben mit hybrider Lehre die Chance, lebenslanges Lernen zu unterstützen.“

„Es besteht kein Zweifel: Wir benötigen dringend mehr Qualität in der Datenkompetenz. Es kann nicht sein, dass China weltweit das einzige Land ist, in dem es ein Schulbuch zu Künstlicher Intelligenz gibt. Wir müssen auch die Fähigkeiten, ein Unternehmen zu gründen, stärken. Wenn wir diese beiden Aspekte nicht an unsere Universitäten aufgreifen und unsere Studierenden entsprechend ausbilden, wo sonst sollen junge Menschen beides lernen?“, betonte Andreas Barner.

  Eine Frau an einem Rednerpult Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

„Wir brauchen mehr globale Zusammenarbeit – und dies nicht nur unter den Industrieländern. Wir dürfen uns als Universitäten nicht auf unsere Position in Rankings konzentrieren. Und wir dürfen unsere koloniale Haltung, dass wir allein wissen, was die Wahrheit und gut für die Welt ist, nicht beibehalten“, sagte Simone Buitendijk. „Studierende sollten lernen, wie sie die Welt verändern können – und zwar global! Wenn alle Universitäten gemeinsam einen Lehrplan erstellen, wird dieser per Definition dekolonisiert.“

Der erste Schritt dazu sind die naheliegenden Hausaufgaben, die die Panelisten den Universitäten formulierten:
„Wir dürfen nicht den Fehler machen zu sagen: wir digitalisieren nun alle Bachelor-Studiengänge oder Ähnliches. Auch Bachelorstudierende müssen Formate kennenlernen, in denen sie interaktiv debattieren können. Sie müssen lernen, wie sie richtig diskutieren und wie sie mit anderen auf einen gemeinsamen Nenner kommen – oder eben nicht“, erklärte Andreas Barner. Weiter führte er aus: „Es wäre sehr wichtig, wenn deutsche Universitäten noch stärker von den angelsächsischen lernen würden, wie Studierende in Teams an konkreten Projekten arbeiten.“

„Wir müssen Lehre interaktiver denken, die Studierenden müssen sich viel stärker als bisher mit ihren Fähigkeiten einbringen können, die Lehrenden können ihnen dabei als Guides zur Seite stehen. Die Studierenden sollten lernen, wie sie Innovationen meistern, aber auch wie sie Fehler machen dürfen. Und an dem Punkt, an dem sie ihren Abschluss machen, dürfen wir sie nicht einfach in die Industrie, in NGOs, Politik und andere Aufgaben entlassen, wir müssen ihnen immer offen stehen“, skizzierte Simone Buitendijk.

  Raphael Kiesel an einem Rednerpult Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

„Das Curriculum hat sich beispielsweise im Maschinenbau in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert, obwohl sich Gesellschaft und Industrie maßgeblich verändert haben. Da braucht es schnelle Veränderungen, aber wir müssen auch die richtigen Formate finden, um die erforderlichen Kompetenzen zu fördern“, sagte Raphael Kiesel. „Die Zukunft ist hybrid, nicht online.“

Letztlich müsse es Begegnung geben, das betonte nicht nur Raphael Kiesel, aber es müsse auch Angebote für die Studierenden geben, die aufgrund ihrer familiären Situation oder anderen Rahmenbedingungen nicht vor Ort auf einem Campus partizipieren können. Das Wie und Was sei am Ende sehr viel entscheidender als das Wo. „Wie können Universitäten zu den großen Herausforderungen in Gesellschaften wie neuer Mobilität, neuer Energie und Nachhaltigkeit beitragen? Wie können Universitäten Interdisziplinarität besser lehren und wie können sie Studierenden dabei helfen, ihr interdisziplinäres Denken zu entwickeln?“, formulierte Andreas Barner zentrale Fragen.

Simone Buitendijk verwies auf das Potenzial der Universitäten, die sich weltweit gemeinsam auf den Weg machen könnten. „Wir sollten niemals vergessen, dass wir die nächste Generation ausbilden, die die Welt verändern muss. Die Universitäten, die in Zusammenarbeit mit anderen weltweit unterrichten können, sind diejenigen, die die Welt verändern.“ Das Wissen, die Qualität und Reichweite von Universitäten könnten weltweit disruptiv wirken.

Die Diskussionsrunde zum Anschauen