Deep Tech, High Touch: The New University Innovation Ecosystem

  Vier Personen stehen an Rednerpulten in einem Studio Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Universitäten sind Orte, an denen eine Gemeinschaft aus Expertinnen und Experten kontinuierlich neues Wissen schafft – Innovation gehört demnach auch zum Tagesgeschäft. Gleichzeitig  fällt es universitären Strukturen zunehmend schwer, mit den gestiegenen gesellschaftlichen Anforderungen an sie Schritt zu halten – Universitäten sollen die großen globalen Herausforderungen angehen, sie sollen Schlüsseltechnologien entwickeln, um den Wirtschaftsstandort Deutschland weiter wettbewerbsfähig zu halten und sollen die neue Generation von Arbeitskräften und gesellschaftlichen Verantwortungsträgerinnen und -träger adäquat auf die Zukunft vorbereiten. Wie können sie dazu beitragen und dabei ihre Freiheit und Unabhängigkeit beibehalten? Welche Ideen und Prozesse aus Industrie, Start-ups und Sozialunternehmen beleben und erneuern das Selbstverständnis von Universitäten?

 

Die Panelrunde „Deep Tech, High Touch: The New University Innovation Ecosystem“ hat erste Antworten darauf gefunden, was ein Ökosystem mit Akteuren aus verschiedenen Sektoren braucht, um Innovationen zu ermöglichen.

Dr. Anne Schreiter und RWTH-Professor Frank Piller begrüßten dazu Deutsche-Bahn-Digitalvorständin und Professorin Sabina Jeschke, die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, die Gründerin von „zukunft zwei“ Carolin Silbernagl, den Gründer und RWTH-Professor Günther Schuh und BMBF-Staatssekretär Thomas Rachel.

  Filmstudio Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Innovation braucht Wissenstransfer – dafür müssen Sektorenwechsel leichter werden

“We need a new ecosystem for cooperations between universities and industry,” forderte Sabina Jeschke. Ein solch neues Ökosystem entstehe nahezu von selbst, wenn sich Expertinnen und Experten nicht auf einen Sektor festlegen müssten. Durch mehrere oder wechselnden Stationen an Universitäten, in der Wirtschaft, in NGOs oder der Politik könne sich Wissen besser verteilen und damit Innovation befördern. Das gelte besonders für den Technologietransfer. Dem stimmte Günther Schuh zu, der sich die Option seiner Karriere als Professor und als Gründer als gangbare Option für noch mehr seiner Kolleginnen und Kollegen an deutschen Hochschulen wünscht. Universitäten sollten daher bereits Studierende dazu ermutigen, sich frühzeitig in mehreren Rollen auszuprobieren, indem sie zum Beispiel gründen oder sich sozial und politisch engagieren, ergänzte Sabina Jeschke.

 

Warum Innovation? Universitäten bieten großes Potenzial für Innovation, sie müssen jedoch klarer definieren, wie sie zu einer gerechten und nachhaltigen Zukunft beitragen wollen

Doch wie kann ein Innovations-Ökosystem in der Praxis gestaltet werden? Zunächst grob skizzierte das Katharina Fegebank am Beispiel Hamburgs: Grundlegend sei eine Strategie, deren Ziel es ist, Nutzen für alle Stadtbewohnerinnen und -bewohner zu stiften. Wissenschaft spielt dabei eine zentrale Rolle: „Use science as an engine for city development“. Um den Motor zum Laufen zu bringen brauche es die Zusammenarbeit mit Wirtschaft, Gesellschaft und Politik - das habe sich zum Beispiel während der Corona-Pandemie ausgezahlt. Hauptaufgabe sei es dann, Offenheit und Austausch zwischen den Akteuren zu ermöglichen.

  Carolin Silbernagl an einem Rednerpult Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Carolin Silbernagl nahm den Faden zur Rolle von Universitäten in Innovations-Ökosystemen auf: Angesichts globaler Krisen mit Blick auf Klima, Ressourcen und Biodiversität bieten Universitäten einen regelrechten Innovationsschatz: Wo sonst arbeiten international vernetzte Expertinnen und Expternen so vieler Disziplinen unter einem Dach daran, Probleme zu verstehen und dafür Lösungen zu entwickeln? Dieses Potenzial gelte es (besser) zu nutzen. Dafür müssten Universitäten sich als ein Tragwerk der Gesellschaft verstehen und sich eine klare Vision setzen, wie sie zu einer gerechten und nachhaltigen Zukunft beitragen können. „University needs to work alongside society with constant contact points beyond conferences and campus rooms,“ so das Credo von Silbernagl.

Dafür muss sich das Selbstverständnis von Wissenschaft weiterentwickeln: Die Offenheit, die Katharina Fegebank bereits als Voraussetzung von Innovation erwähnte, muss sich dann zum Beispiel darin zeigen, dass Wissenschaftsakteure mit diversen gesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiten können. Nicht-Akademikerinnen und -Akademiker und Personengruppen außerhalb der Universitäten seien dann weniger reine Datenquelle als vielmehr Expertinnen und Expterten sowie Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner auf Augenhöhe. Silbernagl nannte dafür das Beispiel, wie Krankenpflegerinnen und -pfleger aktiv in die Gestaltung von Managementprozessen in Pflegeeinrichtungen einbezogen wurden.

 

Innovation innovativ lehren – Universitäten sollen zu explorativem Lernen und Neugier anregen

Ein verändertes Selbstverständnis von Wissenschaft müsse sich auch in der Lehre zeigen, war sich die Panelrunde einig. Universitäten sollten nach der Vorstellung von Günther Schuh nicht mehr als Vorlesungs-Einrichtungen, sondern als Forschungs- und Prüfungseinrichtung fungieren. Mehr Projektarbeit sei nötig, in der das „Forschen“ und das „Machen“ integriert werden müssen und bezog sich dabei auf das Jubiläums-Motto der RWTH „Lernen. Forschen. Machen.“

Auch reale Erfahrungen aus der Unternehmenswelt – wie die Tatsache, dass ein Großteil vielversprechender Deep-Tech-Innovationen hierzulande an Investoren aus China, USA und Saudi-Arabien gingen – müssten die universitäre Lehre prägen, zum Beispiel durch die frühzeitige Integration von Management- und Finanzthemen in Ingenieurstudiengänge. Es blieb zumindest im Rahmen des Panels offen, wie genau ein Nachfolgemodell einer traditionellen Vorlesung aussehen könnte.

Sabina Jeschke plädierte dafür, Studierende zu ermutigen: Universitäten sollten jungen Menschen das Selbstbewusstsein mit auf den Weg geben, sich auf solche Forschungsbereiche zu konzentrieren, in denen sie (noch) keine Spezialistinnen und Spezialisten sind. Denn gerade in diesen Bereichen sind in der Regel noch Innovationen möglich. Dazu gehöre aber auch, Auslandsaufenthalte stärker zu fördern, da Studierende dadurch neben Selbstbewusstsein auch Sprachkenntnisse, kulturelles Verständnis und Soft Skills ausbauen können.

Zu neuen Forschungsbereichen, die selbstbewusste kreative Köpfe brauchen, gehört zum Beispiel auch das Exzellenzcluster der RWTH „Internet of Production”. Günther Schuh ist überzeugt: „That is the opportunity of the digitalized world in industry and it comes with the sense of our young generation.“ Die massive Überproduktion als negative Nebenerscheinung der industriellen Revolution könne zukünftig gestoppt werden – eine wirkliche Innovation.

  Staatssekretär Thomas Rachel Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Was kann bleiben? Zugang zu Bildung und Investitionen in Forschung und Lehre sind zentrale Rahmenbedingungen

Bei allem Verbesserungsbedarf und Änderungswünschen betonte Staatssekretär Thomas Rachel am Ende der Runde die hervorragenden Rahmenbedingungen, die die Wissenschaft in Deutschland vorfinde. Die Langfristigkeit und das Budget der zwei großen Finanzierungslinien „Exzellenzinitiative“ und „Pakt für Forschung und Innovation“ machen deutlich, welchen immensen Stellenwert der Bund den Universitäten und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen beimisst. Und ganz klar beibehalten würde Rachel im deutschen Wissenschaftssystems eines: „We should keep our differentiated education system which is accessible for everyone, combined with high quality standard in teaching.“

  Professor Frank Piller Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

„Innovation happens when ideas have sex,“ resümierte Professor Frank Piller rückblickend auf das Panel und den gesamten Wissenschaftsabend.