University Mission (Impossible?): From Role Model to Supermodel

  Drei Personen an Rednerpulten auf einer Bühne Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Wenn die Universität Vorbild und gar „Supermodel“ für Innovation sein will, muss sie sich öffnen, muss „outside the box“ denken und handeln. Sie muss glücklichen Zufällen Raum geben können und gleichzeitig verlässliche Rahmenbedingungen für Forschende und Studierende schaffen. Was bedeutet das dann für die Universität, wenn wir uns sie als die „box“ vorstellen? Wie kann sie Forschung und Lehre zukunftsfähig gestalten? Wie kann sie lokal eingebettet und international vernetzt Wirkung entfalten?

  Filmstudio Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Perspektiven aus dem Inneren der „Universitätsbox“ und von außen, unter anderem aus Wirtschaft und dem Kunstbetrieb, haben RWTH-Professor Malte Brettel und Dr. Anne Schreiter in dem Panel „University Mission (Impossible?): From Role Model to Supermodel“ eingeholt. Sie sprachen mit Professorin Rianne Letschert, Rektorin der Universität Maastricht, mit den Stiftungsverterten Dr. Georg Schütte (VolkswagenStiftung) und Dr. Wolfgang Rohe (Stiftung Mercator) sowie mit Stefan Hilterhaus, Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von PACT Zollverein und Professor Thomas Girst, der bei der BMW Group den Bereich Kulturengagement leitet.

 

Eine Aufgabe von Universitäten ist es, Lösungen vor Ort für große Herausforderungen skalierbar zu machen

Dr. Georg Schütte nahm zunächst das Umfeld in den Blick: So trügen Universitäten globale Verantwortung als internationale Player in Lehre und Forschung, bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien, aber auch als Treiber sozialen Zusammenhalts und als Vorbild für interkulturelle Verständigung.

Zugleich seien Universitäten aber natürlich regionale Akteure, die in Bezug zu lokalen Gegebenheiten und den Menschen vor Ort stehen. Dazu gehöre auch, die Chance zu nutzen, Wissen gemeinsam mit nicht-universitären Akteuren zu generieren wie zum Beispiel beim Thema Strukturwandel im ehemaligen Braunkohlerevier NRW.

Universitäten gelingt es, die Spannung zwischen den Polen lokaler Einbettung und internationaler Vernetzung zu lösen, wenn sie es schaffen, Wissen skalierbar zu machen: „Answers should be found in local, but have to be scalable to global contexts.“

 

Universitäten sind Orte von Gemeinschaft und Wissensproduktion mit dem Potential, sich aus eigener Kraft zu verändern

Doch was sind Universitäten eigentlich, was ist in der „box“? Wolfgang Rohe sieht Universitäten von zwei entscheidenden Komponenten geprägt: Es sind Menschen (community of people), die mit ihrer Neugierde eine Universität gemeinsam zu einem Ort des Forschens und Lernens machen. Zudem sind Universitäten Orte der Wissensproduktion – die Art und Weise wie Wissen generiert wird, habe sich dabei schon immer gewandelt.

Universitäten haben daher das große Potenzial, sich nicht (nur) aufgrund von äußeren Einflüssen, sondern aus ihrem Innersten heraus zu verändern. Die sogenannte Third Mission spielt dabei ein Rolle, sie sollte aber nicht als von Forschung und Lehre losgelöster Bereich betrachtet werden, so Rohe.

  Dr. Anne Schreiter Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Forschung und Lehre als die beiden tragenden Säulen der Universitäten werden um das dritte Handlungsfeld der „Third Mission“ ergänzt, das sich auf Innovation und Transfer bezieht. Diese dritte Säule beinhalte dabei auch die gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre, so Rianne Letschert. Die Anforderungen und Aufgaben, die sich diesem Begriff zuordnen lassen, spielen laut den Moderatoren Professor Malte Brettel und Dr. Anne Schreiter „eine entscheidende Rolle um die Welt ein Stück weit zu einem besseren Ort zu machen“.

  Professor Malte Brettel Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Lehre muss deutlich mehr Wertschätzung erfahren, um Innovation zu ermöglichen – Universitäten müssen dafür gute strukturelle Lösungen finden

Rianne Letschert machte sich aus der Innenperspektive ihrer Universität besonders für die Lehre stark: „In order for universities to keep meeting rapidly changing demands in society, we need to drastically and fundamentally change the way we recognize and reward our academic staff.“

Dass akademische Karrierepfade immer noch überwiegend vom Forschungs-Output abhängig gemacht werden, ist aus ihrer Sicht wenig hilfreich. Letschert setzt sich für gleichberechtigte und vielfältige Karrierewege in Forschung und Lehre ein.

Da abzusehen ist, dass auch nach der Pandemie „digital learning“ und neue Formate als selbstverständliche Anforderung erwartet werden, muss es bessere Anreize und Anerkennungssysteme für engagierte und vor allem gut ausgebildete Hochschullehrerinnen und -lehrer geben. Dabei könne und solle nicht zwingend jeder alle Bereiche abdecken, es gebe kein „one size fits all-supermodel“.

Gerade der akademische Nachwuchs solle vielmehr schon früh die Wahl haben, sich verstärkt auf entweder Forschung oder Lehre zu fokussieren.

 

„Functional Serendipity“ und Raum für Experimente zu ermöglichen, sollten Universitäten als Stärke wahrnehmen und nutzen

Den Studierenden empfahl Letschert, eine Universität als den Ort zu begreifen, an dem sie sich nicht nur auf ein (teils ungewisses) Berufsleben vorbereiten, sondern sich vor allem selbst mit all ihren Interessen und Talenten kennenlernen können – wenn Universitäten es schaffen, dafür das geeignete Umfeld zu bieten, bliebe auch die Universität als Ort relevant.

  Professor Thomas Girst Urheberrecht: © Stefanie Loos/Landesvertretung NRW

Professor Thomas Girst unterstützte den Ansatz von Universitäten als Orten des angeleiteten Ausprobierens, die damit Raum bieten für „functional serendipity“, also strukturell ermöglichte glückliche Zufälle. Universitäten sollten daher Studierende ermutigen, über das eigene Studienfach hinaus zu blicken, den ein oder anderen gedanklichen Umweg zu gehen und offen auch für scheinbar Unwichtiges zu sein. Er appellierte mit einem Zitat von Nitzsche auch an die Studierenden selbst, gedanklich stets beweglich und interessiert zu bleiben und auch vermeintlich nicht zielführende Phasen des Lernens anzunehmen: „In order to be a lightning, you have to be a cloud for a very long time.“

Den Universitäten empfahl Girst, das akademische Umfeld so zu gestalten, dass auch ein Scheitern möglich sei – aber damit eben auch oben erwähnte „functional serendipity“. Gerade damit verbundene „soft skills“ werden zukünftig in der Industrie immer mehr gefragt sein. Sie sollten, wie auch die „hard skills“, im geschützten Raum der Universitäten erlernbar sein.

 

Innovation entsteht an Kontaktflächen: Kunst kann zu neuen Formen der Wissensproduktion an Universitäten inspirieren

Stefan Hilterhaus warb dafür, dass Universitäten für ein solches Selbstverständnis intensiver mit nicht-universitären Orten und Akteuren in den Austausch treten sollten – besonders wenn diese Orte und Akteure zunächst sehr verschieden erscheinen.

Am Beispiel der Verbindung von BioTech und Kunst, die PACT Zollverein ermöglichte, beobachtet er dafür eine große Neugier und ein gegenseitiges Interesse. Universitäten können im Dialog mit Kunstformen dann aus einer ganz anderen Perspektive erleben und für sich neu entdecken, was auch ihnen nicht fremd sein sollte: Cross-Disziplinarität, das Hinterfragen von Routinen und eine stetige Rekalibrierung, welches Wissen wirklich relevant ist.

Als Antwort auf die Frage, welches Projekt er denn der RWTH vorschlagen würde, um diese Ideen praktisch greifbar zu machen, ersann Hilterhaus ein „Center of Advanced Curiousity“ als „huge social space for conference, coffee and cooperation“.

Einig war sich die Runde, dass Universitäten sich verstärkt den gesellschaftlichen Fragestellungen öffnen und zu öffentlichen Diskursen beitragen müssen, um auf diese Weise unsere Welt tatsächlich ein Stück weit zu einem besseren Ort zu machen.