Bestürzendes Zeugnis von Ausgrenzung, Demütigung und Zermürbung

22.09.2011

Der Aachener Mathematikprofessor Otto Blumenthal (1876 bis 1944) musste nach Arbeitsverbot und weiteren Entrechtungen im Juli 1939 in die Niederlande emigrieren. Im April 1943 erfolgte die Internierung in die Lager Vught bei s’Hertogenbosch und Westerbork, von wo er im Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort starb er im November 1944. Von 1939 bis 1943 schrieb Otto Blumenthal akribisch Tagebuch. Seine Aufzeichnungen liegen nunmehr kommentiert und angereichert mit zahlreichen Fakten als „bestürzendes Zeugnis von Ausgrenzung, permanenten Demütigungen und systematischer Zermürbung“ vor.

 

Der Autor des Buches, der Aachener Mathematiker Dr. Volkmar Felsch, hat in jahrelanger Arbeit den Nachlass aufbereitet. Der Band „Otto Blumenthals Tagebücher. Ein Aachener Mathematikprofessor erleidet die NS-Diktatur in Deutschland, den Niederlanden und Theresienstadt“ ist jetzt im Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, erschienen.

Anfeindung, Verleumdung und Demütigung in der Nazidiktatur

Otto Blumenthal und seine Frau Mali waren evangelische Christen jüdischer Herkunft. Der hoch geachtete Professor für Mathematik, seit 1905 an der Technischen Hochschule Aachen und Träger des Eisernen Kreuzes II aus dem Ersten Weltkrieg, zeichnet in seinen nüchternen Tagebucheintragungen ein erschütterndes Bild der unaufhörlichen Anfeindung, Verleumdung und Demütigung in der Nazidiktatur, ohne die vielen stillen Helfer zu vergessen, die das Leben zumindest noch ein wenig erträglich gestalten. In über 1.500 Notizen vom 1. Januar 1939 bis zum 22. April 1943 dokumentiert er das Schicksal seiner Familie als eine fortschreitende Repressalie, die letztlich mit der Deportation nach Theresienstadt und seinem Tod dort am 12. oder 13. November 1944 endet. Seine Frau war bereits am 21. Mai 1943 im holländischen Durchgangslager Westerbork gestorben.

Was mit dem Naziregime auf Deutschland und die Welt zukam, hatte Blumenthal schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vorausgesehen: „Es ist entsetzlich, und die Folgen werden noch entsetzlicher sein.“ Seine Tagebücher legen Zeugnis ab vom Horror dieser Zeit.

Hoher Aussagewert über das alltägliche Unrecht der NS-Diktatur

Dr. Volkmar Felsch begann seine Recherchen zu Otto Blumenthal 1997 mit dem Projekt „Wege des Vergessens“ der Stadt Aachen. Als Mitglied der Arbeitsgruppe „Judenverfolgung und Antisemitismus“ der Volkshochschule stieß er erstmals auf das Schicksal des Aachener Mathematikers. Dabei wurde ihm schnell klar, wie wenig über die Jahre nach Blumenthals Emigration bekannt war. Erst im Mai 2003 allerdings brachte ein Aufruf im „Northwich Guardian“ die erhofften Kontakte zu Blumenthals Familie: Die Nachfahren der nach England ausgewanderten Kinder Ernst und Margrete Blumenthal meldeten sich und vertrauten dem Autor den umfangreichen Nachlass zu Auswertung und Publikation an.

Neben der 1997 im Rahmen eines fachwissenschaftlichen Kolloquiums im RWTH-Hauptgebäude eingeweihten Gedenktafel zu Ehren Otto Blumenthals und der 2003 installierten Erinnerungsplakette vor seinem ehemaligen Aachener Wohnhaus bildet dieses Buch nunmehr eine weitere wichtige Erinnerung an das Schicksal dieses Mannes und seiner Familie. Als authentische Chronik zeigt das Buch gleichzeitig, wie es damals vielen deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens wider Recht und Verstand erging. Insofern besitzen die Tagebücher über ihre ergreifende persönliche Dimension hinaus auch einen hohen Aussagewert über das alltägliche Unrechtsregime der NS-Diktatur.

Das Ergebnis der aufwendigen Aufarbeitung liegt nun auf 540 Seiten als Hardcover des Hartung-Gorre Verlages aus Konstanz vor und ist zum Preis von 29,80 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber Erhard Roy Wiehn wertet in seinem Nachwort die Verdienste des Autors wie folgt: „Otto Blumenthals inhaltsreiche, faszinierende, ergreifende Tagebücher wären ohne Dr. Volkmar Felsch wohl nie veröffentlicht worden, und sie wären ohne seine sorgfältige Transkription und ohne seine ebenso akribischen wie umfassenden Recherchen, Erklärungen und Kommentare allenfalls nur halb so verständlich und aufschlussreich, weshalb ihm für seine jahrelange und außerordentlich engagierte Erinnerungsarbeit besonders herzlicher Dank gebührt.“ Die RWTH Aachen und ihre Freundesgesellschaft proRWTH! haben durch einen finanziellen Druckkostenzuschuss maßgeblich zur Verwirklichung des Bandes beigetragen.

Toni Wimmer

Volkmar Felsch: Otto Blumenthals Tagebücher. Ein Aachener Mathematikprofessor erleidet die NS-Diktatur in Deutschland, den Niederlanden und Theresienstadt. Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn. Hartung-Gorre Verlag, Konstanz September 2011, 540 Seiten, Fotos, Hardcover, ISBN 978-3-86628-384-8, 29,80 Euro.