Professorin Beatrix Busse

 

Prorektorin Lehre und Studium, Universität zu Köln

Prof. Dr. Beatrix Busse Urheberrecht: © Monika Nonnenmacher - Photographie

Sollten wir nach der Pandemie wieder zu vollständigen Live-Kursen zurückkehren, weiterhin reine Online-Lehre anbieten, oder hybride Lehrangebote machen?

Zuerst einmal sei angemerkt, dass auch die reine Online-Lehre live, synchron, aber eben auch asynchron, stattfinden kann. Das gemeinsame virtuelle Arbeiten kann und muss nicht zwangsläufig weniger ‚live‘ sein, als das Zusammentreffen in Präsenz, auch wenn ich erneut betonen möchte: eine Universität ohne persönlichen Austausch und Dialog ist wie Shakespeare ohne Theater.

Ganz grundsätzlich darf es nach der Pandemie nicht einfach wieder in alte Muster zurückgehen. Wir haben in den vergangenen Semestern einen ersten Eindruck davon bekommen, welche Stärken und welche Schwächen die Online-Lehre und das virtuelle Zusammenarbeiten in der aktuellen Form haben. Gleichzeitig haben wir aber auch viel darüber gelernt, wodurch sich Präsenzformate auszeichnen und wie wir diese in Zukunft nutzen wollen. Daher sollten wir nach der Pandemie, wenn alle Formen des Lehrens und Lernens wieder grundsätzlich möglich sind, darüber nachdenken, welche Veranstaltungen und welche neuen Formen der Zusammenarbeit in welchen Kontexten und für welche Fächerkulturen am besten funktionieren.

Synchrone und asynchrone hybride Formate werden dabei eine große Rolle spielen, denn sie erlauben eine Flexibilisierung, auch hinsichtlich der Beteiligungsmöglichkeiten, des Lehrens und Lernens. Diese Flexibilisierung und das Nachdenken darüber sind erstrebenswert völlig unabhängig von einer Pandemie.

Welche Lehrformate würden Sie sich online wünschen, welche im persönlichen Umfeld?

Meiner Erfahrung nach profitieren insbesondere dynamische Lehrformate, die auf Austausch, Diskussion und gemeinsamem Arbeiten basieren, von der Präsenz. Natürlich kann aber auch eine wahnsinnig gut gehaltene und mitreißende Vorlesung etwas ganz Besonderes und Resonanz entfalten, wenn man vor Ort mit anderen in einem schönen und wirkenden Hörsaal ist. Dann könnte diese Stärke aber auch entsprechend ausgespielt werden; zum Beispiel in Form von wenigen, dafür aber wirklich leidenschaftlichen Vorlesungen in Präsenz, die durch entsprechende digitale Formate ergänzt werden.

Ich hoffe, dass wir in Zukunft die gemeinsame Zeit vor Ort, besonders auch in kleineren Seminaren, dafür nutzen können, ins Gespräch und ins gemeinsame Arbeiten zu kommen. Natürlich haben aber insbesondere auch hier hybride Formate ihren Charm. Es wäre wunderbar, wenn man wie selbstverständlich auch in einem Seminar in Präsenz problemlos Kolleginnen und Kollegen sowie Studierende, zum Beispiel auf dem Ausland, zuschalten könnte.

Ihre Vision: Wie sollte das Nachfolgemodell einer traditionellen Vorlesung aussehen, das Forschen und „Machen“ integriert (ganz gleich, ob in Präsenz oder online)?

Gute Vorlesung zeichnen sich meiner Erfahrung nach, die Frage nach den Teilnehmerinnen- und Teilnehmerzahlen einmal bei Seite geschoben, in erster Linie durch zwei Dinge aus: Eine Lehrperson, die ihre Disziplin lebt und ihre Studierenden mitreißt und die Tatsache, dass Vorlesungen komplexe und oftmals für nicht-Expertinnen und -Experten undurchsichtige Themenbereiche systematisch aufarbeiten und präsentieren.

Die Vorlesung der Zukunft sollte aus meiner Sicht diese Stärken behalten und gleichzeitig interaktiver, ko-kreativer und kommunikativer werden. Eine Möglichkeit, dies umzusetzen, bestünde beispielsweise darin, ein Flipped Classroom Modell mit einzelnen ‚klassischen‘ Vorlesungen in Präsenz zu ergänzen, in denen die Studierenden, im Gegensatz zum sonstigen Inhalt der beispielsweise per Video vermittelt wird, die Lehrperson als begeisterte Wissenschaftlerin oder begeisterten Wissenschaftler erleben können.

In den aktiven Phasen, die aufgrund des Flipped Classroom Modells nun im Vordergrund stehen, sollte es dann darum gehen, dass in der Vorlesung behandelte Wissen gemeinsam, insbesondere auch forschend, auf konkrete Probleme und Fragestellungen anzuwenden.

Braucht man in zehn Jahren noch Dozierende oder reicht eine KI/Roboter, um die Lehre zu halten?

Falls wir in zehn Jahren immer noch davon sprechen, dass Lehre von einzelnen ‚dozierenden‘ Personen für eine Gruppe von Lernenden ‚gehalten‘ wird, wäre es für mich durchaus denkbar, dass Teile dieser Aufgabe an nicht-menschliche Intelligenzen abgetreten werden könnten. Wo diese in zehn Jahren stehen werden, steht aber natürlich in den Sternen. Die ersten ‚teaching machines‘, wenngleich technologisch etwas vollkommen anderes, werden ja auch bereits bald 100 Jahre alt.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass sich im Kontext des Leitmedienwechsels und der Universität 4.0 die Rolle(n) von Lehrpersonen in Zukunft grundsätzlich verändern werden – Stichwort: „From Teaching to Learning“, mache ich mir um diesen Berufsstand wirklich keine Sorgen. Lehrende werden in Zukunft viel stärker als Begleiterinnen und Begleiter, Wegweiserinnen und Wegweiser sowie Facilitatorinnen unf Facilitatoren auftreten müssen, die mit ihrem Wissens- und Erfahrungsvorsprung Lernende durch eine immer komplexer werdende Welt begleiten und hochindividuelle Lernprozesse fördern.

Zudem wird die Grenze zwischen Lehrenden und Lernenden vermutlich stärker verschwimmen als das jetzt der Fall ist. Anstelle des allwissenden Vortragenden, der vielleicht auch durch einen entsprechenden Roboter (oder eben auch einfach ein Video) ersetzt werden kann, werden wir innovative Lehrende brauchen, die flexibel, agil und ko-kreativ gemeinsam mit Studierenden und Kolleginnen und Kollegen lernen und arbeiten.

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wir in Zukunft nicht (noch stärker als jetzt schon) kollaborativ mit Maschinen zusammenarbeiten – vielleicht auch mit solchen Maschinen, die bestimmte Dinge anders tun oder denken als wir.

Aus Industrie und Gesellschaft kommen eine Reihe von Forderungen, was die Universitäten künftig in ihren Curricula unterbringen sollen. Wenn das Studium nicht verlängert werden soll, muss man auch fragen, was wir denn künftig nicht mehr benötigen. Haben Sie dazu Vorschläge?

Diese Frage lässt sich nicht natürlich niemals pauschal für alle Fächer und Kontext beantworten. Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich aber natürlich darüber nachdenken, zwischen reinen Inhalten und Kompetenzen, im Sinne von Problemlösefähigkeiten, zu unterscheiden.

In vielen Fachbereichen hat sich, vielleicht mit Ausnahme von bestimmtem Grundwissen, die Halbwertszeit von Wissen drastisch verkürzt. Darüberhinaus ist es heute schwierig abzusehen, auch für die Industrie, welches Wissen und welche Fähigkeiten in Zukunft gefragt und auch notwendig sind. Aus diesem Grund würde ich dafür plädieren, die Dinge und Fragestellungen ins Zentrum zu rücken, die Studierende dazu qualifizieren, in Zukunft selbstbestimmt und sicher mit heute noch unbekannten Herausforderungen umzugehen.

Dazu gehören neben hohen fachlich-disziplinären Kenntnissen eben auch Kompetenzen in kollaborativem, ko-kreativem Arbeiten und solchen in New Work. Darüber hinaus muss das Studium den Grundstein, sowohl hinsichtlich des fachlichen Basiswissens als auch der entsprechenden Einstellungen, Kompetenzen und (Future-)Skills, die ich lieber als „Now-Skills“ bezeichnen würde, für das lebenslange Lernen legen. Die Dringlichkeit, diese Fragen JETZT-NOW! anzugehen, liegt aber auf der Hand.