Albert Berger

 

Kanzler der Technischen Universität München

Albert Berger Urheberrecht: © Andreas Heddergott / TUM

Flächendeckender Frontalunterricht in großen Hörsälen wird der Vergangenheit angehören

Die COVID-19-Pandemie hat im Frühjahr 2020 quasi über Nacht auch die Arbeits-, Lehr- und Studiersituation an den Universitäten schlagartig komplett verändert: Universitätsgebäude geschlossen, Lehrveranstaltungen abgesagt, Beschäftigte nach Hause geschickt, Dienstreisen weltweit storniert, den Universitätsbetrieb in „systemrelevant oder gerade nicht“ eingeteilt. Die Universität mit ihren vielen Fachdisziplinen und organisatorischen Einheiten unterschiedlichster Prägung war plötzlich zum sofortigen Krisenmanagement aufgefordert, im Spannungsbogen zwischen öffentlichem Dienst mit ministeriellen Weisungen einerseits und Erfordernis eines agilen Wissenschaftsbetriebs mit schneller unternehmerischer Reaktion andererseits.

Beeindruckenden Erfolgen bei der digitalen Um- und Neugestaltung vieler Lehrformate stehen erhebliche Bedarfe bei der Digitalisierung von Arbeitsprozessen gegenüber. Mit Homeoffice und Videokonferenzen konnten zwar viele notwendige Arbeiten erledigt werden, aber es hat gleichzeitig die Gefahr einer Segmentierung des Denkens durch örtliche Trennung des Personals zugenommen. Und jetzt, nach Testungen und Impfungen und vielleicht sogar einer Überwindung der Pandemie: Zurück zur universitären Arbeit, wie sie vorher war? Mit Sicherheit nicht, jedenfalls nicht vollständig!

Der Zwang, über innovative Lehr- und Lernformate und ihre studierendengerechte Realisierung neu nachzudenken, wird dazu führen, dass flächendeckender Frontalunterricht in großen Hörsälen der Vergangenheit angehören wird. Die vielen gut funktionierenden Videokonferenzen mit zum Teil weit verzweigtem Teilnehmerkreis werden in der Zukunft ebenso bleiben wie das verstärkte Arbeiten von Zuhause aus. Der krisenbedingte Shutdown hat uns gelehrt, dass wir, so gut es eben geht, dislozierte Arbeits-, Lehr- und Lernorte mit digitalen Formaten überwinden können; er hat uns aber auch klar vor Augen geführt, dass innovative und exzellente Arbeit nicht zuletzt durch sozio-empathische Befähigungen von Menschen bestimmt wird. So bleibt die Gewissheit: Leben in einer Universität bzw. universitäres Leben sind nicht einfach zu ersetzen.